I.G. KartonModell


Von I.G. Karton Modell bis zu Kartonmodell-Online – Eine Idee wird »volljährig«.
1988 – 1994 • 6 Jahre Jahre Öffentlichkeitsarbeit für den Kartonmodellbau aus einer Hand.

… oder: warum das hier kein Forum ist …

Angesichts der sich immer rascher verändernden Medienlandschaft – besonders die der elektronischen Medien – könnte man annehmen, dass »mailing-listen«, »news-groups« oder »Diskussions-Foren« zum Thema Kartonmodellbau etwas grundsätzlich neues wären. Man hätte sozusagen das Rad zum zweitenmale erfunden. Dem ist jedoch ganz und gar nicht so. Natürlich bieten die aktuellen Medien eine Reihe von technischen Möglichkeiten des Informationsaustausches, die vor Jahren nicht einmal denkbar waren. Besonders hervorhebenswert erscheint mir dabei die heute mögliche aktive Mitarbeit und die hohe Geschwindigkeit von »feed« und »feedback«.
Ein elektronisches Forum ist allein schon deswegen nichts neues, weil es »Foren« expressis verbis bereits seit der Antike gibt.  Eine »Diskussionsgruppe«, deren primäres Ziel der Informationsaustausch zwischen Kartonmodellbauern ist, gibt es seit 1988. (Abgesehen von der »Leserbriefecke« in der »alten« Möwe.) in Form der »I.G. Karton Modell«.

Die im Jahre 1988 von Rudolf Kirchner*) ins Leben gerufene »I.G.Karton Modell« hatte exakt das Ziel, eine »Interessengemeinschaft« für Modellbauer zu sein, die von Modellbauern gemacht wurde. Konzipiert als eine lockere Gemeinschaft von am Thema interessierten, die mittels der Koordination einer kleinen Gruppe von »Häuptlingen« mit Informationen versorgt, bzw. über die Informationen gesammelt und verteilt wurden. Wesentlicher Bestandteil der Arbeit innerhalb dieser »I.G.« war die ständige Aktualisierung und Verteilung der Adressen der an der »I.G.« Teilnehmenden, um die Diskussion untereinander zu ermöglichen. (Etwas, was bei der aktuellen Datenschutzgesetzgebung völlig undenkbar wäre!) Also in etwa dasselbe, was Internet-Foren auch leisten, jedoch mit anderen Mitteln – und viel langsamer. Bereits ab Winter 1988 arbeitete ich im Koordinierungsteam der »I.G. Karton Modell« mit und gestaltete ab der zweiten Ausgabe die Mitteilungsblätter.
Leider sind in meinem Archiv nicht mehr alle Ausgaben des Mitteilungsblattes der I.G. Karton Modell vorhanden – geradedie »alten« Ausgaben hätten heute bereits einen gewissen historischen Wert.

In den Jahren 1988 bis 1990 wuchs die Teilnehmerzahl der I.G. Karton Modell auf ca. 370 Teilnehmer an. Daher sah sich das Team veranlaßt, ein »Informationsblatt« zur Teilnahme an der IG und deren Bedingungen zu verfassen. Teile dieser alten »Nutzungsbedingungen« finden sich in vielen aktuellen Forenregeln sinngemäß oder nahezu wortgetreu wieder. Die Motive für die Gründung der »I.G. Karton Modell« durch Rudolf Kirchner liegen auf der Hand: Ende der 80er Jahre des20 Jh. »krähte kein Hahn« nach dem Kartonmodellbau. Daher war es naheliegend, etwas für dieses Hobby zu tun,was außerhalb der etablierten Verlage passierte.

Recht schnell wurden auch die etablierten Verlage und Händler auf die Aktivitäten der I.G. Karton Modell aufmerksam. Viele Kooperationen wurden verabredet und mit Leben erfüllt, so z.B. mit A.W.Waldmann/München; Möwe-Verlag/Wilhelmshaven; J.F.Schreiber-Verlag/Esslingen; Anette Scholz Verlag, um nur einige zu nennen.

Im Rahmen der Tätigkeit des Koordinierungsteams und als »Macher« des Mitteilungsblattes konnte ich in jenen Jahren viele Persönlichkeiten kennen lernen, die unseren Respekt und Hochachtung verdienen, stellvertretend darf ich hier die Herren Siegfried Wolter und Joachim Schulze nennen, die die schwierige Nachfolge des JADE-Verlages angetreten hatten. (Der JADE-Verlag W. Pangerl & Co. wurde Ende der 1960er Jahre Nachfolger des LEHRMITTELINSTITUTS WILHELMSHAVEN).

Auch die ersten, eher rein privaten, Treffen in Rothenburg o.d.Tauber waren äußerst interessant und ließen erstmals erahnen, welches Potential im aktiven Betreiben einer solchen Arbeitsgemeinschaft steckt. Die Betreibergemeinschaft, bestehend aus Rudolf Kirchner, Peter Hurler und mir selbst, hatten in den damaligen »Regeln« etwas verankert, was am besten mit »Anti-Kommerz« zu beschreiben ist. Sehr schnell wurde uns aber klar, dass ohne Aktivitäten zur Unterstützung der Modellbogen-Verkäufe die ganze Sache zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Natürlich haben wir dann diesen »Antikommerz«-Unsinn rasch wieder vergessen, und uns um enge Kooperationen mit den Verlagen J.F. Schreiber, Möwe und A.W.Waldmann bemüht und die I.G. KartonModell erfolgreich als Plattform zur deren Darstellung angeboten.

Eigene kommerzielle Ziele verfolgte die »I.G.« jedoch nie; wie auch stets auf die völlige Unabhängigkeit der »I.G.« von den Verlagen geachtet wurde. Das »Arbeiten« in der I.G. funktionierte beinahe genauso wie heute in den elektronischen Foren: Das »leading team« gab den Rahmen und die grobe Richtung vor, die Teilnehmer steuerten ihre Beiträge und Fotos bei – die dann in Abständen in Form eines gedruckten Magazins veröffentlicht wurden.  Obwohl – oder gerade weil – das damalige Betreuerteam in ihre jeweiligen Brotberufe oder eigenen Firmen stark eingebunden war, stand die Frage, ob wir diese I.G. als »Hobby« oder ernsthaft betreiben wollten, nie zur Debatte. »Halbherzig« etwas zu tun, war unsere Sache nicht.

Das in der Aussenwirkung wichtigste Instrument der I.G. war das Mitteilungsblatt – was nach anfänglichen amateurhaften Findungsprozessen spätestens ab der Ausgabe 5 ausschliesslich mit professionellen Werkzeugen und Verfahren hergestellt wurde. Ach ja – das Unwort! Schade, dass heute viele mit humanistischem Defizit hinter dem Wort »professionell« ausschließlich das »Böse an sich« vermuten . . . Vergegenwärtigt man sich die Bedeutung des Begriffs, wird schnell dessen ständig (böswillig?) strapazierte Mißdeutungoffenbar: » Profession/Professionalismus: Ein für die Gesellschaft relevanter Dienstleistungsberuf mit hohem Prestige, der hochgradig spezialisiertes und systematisiertes, nur im Laufe langer Ausbildung erwerbbares technisches und / oder institutionelles Wissen relativ autonom und kollektivitätsorientiert anwendet (W. Fuchs, u.a. „Lexikon der Soziologie“, 1978 )«   Wenn meine Mitarbeiter oder ich selbst davon sprechen, etwas»professionell« zu machen, meinen wir stets genau das: So gut wie wir nur können – unter Einsatz und Anwendung all unsererFähigkeiten und Fertigkeiten . . . (Etwas, was Internet-Foren auf keinenFall können – selbst wenn sie denn wolten).

Der Höhepunkt der Aktivitäten der I.G. Karton Modell und die wohl bemerkenswerteste Kooperation war das viermalige gemeinsame Erscheinen mit dem Mitteilungsblatt des Freundeskreises Wilhelmshavener Modellbaubogen unter dem (alten) Titel MÖWE. Ein Unternehmen, dass ich persönlich sehr gerne gemacht habe und dass zu seiner Zeit unter den »Fans« Begeisterung auslöste. Eine Publikation, die ich als Jugendlicher »verschlungen« hatte, einmal selbst zu produzieren – das erfüllte mich mit Stolz. Da jedoch alles Veränderungen unterworfen ist, sich personelle Veränderungen immer ergeben können oder die ursprüngliche Interessenlage sich grundsätzlich verschiebt – nach vier Ausgaben wurde das Gemeinschaftsprojekt wieder eingestellt. Seitdem produziert Siegfried Wolter die MÖWEwieder alleine – sehr erfolgreich – 2006 erschien die 68.Ausgabe.

Das nebenstehende Titelbild ist übrigens tatsächlich eine Rarität: Wegen eines falsch positionierten Bildes im Inhalt wurde die gesamte Auflage eingestampft, d.h. diese Ausgabe ist mit diesem Titelbild nie ausgeliefert worden. (Hier fehlt leider eine Abbildung)Siebtes Mitteilungsblatt der I.G. Kartonmodellbau (September 1990)- FEHLDRUCK – © 1990 Thomas Pleiner und Lizenzgeber)

Etwa zeitgleich fanden die ersten Treffen im Deutschen Schifffahrtsmuseum statt, auch die Ausstellung »Schiffe aus Papier« machte seinen Namen alle Ehre: Sie »wanderte«. Wir glaubten damals, eine für Verlage, Veranstalter und Modellbauer attraktive Plattform installiert zu haben. Kirchner, Hurler und ich konnten uns der verläßlichen Unterstützung aller Verlage und Händler versichern und glaubten uns auf einem guten Weg. Allerdings plagten – und da kann ich natürlich nur für mich sprechen – schon damals Probleme mit der verfügbaren Zeit die zukünftigen Projekte.  In diesen Jahren hat mich die Konstruktionsarbeit für das Haus J.F.Schreiber nahezu vollständig ausgelastet, dazu kam der parallele Aufbau der eigenen Agentur. Immerhin erhielt ich keine aus Steuergeldern bezahlte Anwesenheitsprämie, die mir Zeit gelassen hätte, mich den überwiegenden Teil des Tages mit meinem Hobby zu beschäftigen.

Das Ressourcenproblem konnte auf Dauer nicht gelöst werden. Und obwohl die Beiträge der Teilnehmer an der I.G. zahlreichin Wort und Bild eintrafen, war abzusehen, dass das Projekt letzten Endes an Zeitmangel scheitern würde . . . wollte man nicht andere, lebenswichtige(re) Tätigkeiten vernachlässigen. Viele Dinge habe ich dem Kartonmodell untergeordnet, habe zugelassen, dass Verzicht auf Bezahlung und hohes zeitliches Engagement zu nichts Gutem führten. Als seit frühester Kindheit dem Thema auf’s engste verbunden, habe ich mich stets als Protagonist dieses Hobbys gesehen:
• Modellbogen-Design
• Berichterstattung
• Eigene Veröffentlichungen
• Präsenz auf Messen
• Diskussionen
• Nachwuchsarbeit
• Eigener Verlag
• Innovative Produkte rund um den Kartonmodellbau.

Tatsächlich bietet dieses Hobby ein äußerst weites Feld der Beschäftigung – vor allem mit dem Vorbild! Eine meiner Hauptanliegen seit Beginn der I.G. und der damit einher gehenden Berichterstattung und Öffentlichkeitsarbeit sollte dieser breiten Fächerung Rechnung tragen und sich nicht in warteschleifenartiger Wiederholung des Montierensvon Teil 17 an Teil 17a erschöpfen – der Kartonmodellbau hat doch deutlich mehr zu bieten.

Das »Leading team« verließ dann Rudolf Kirchner wegen beruflicher Beanspruchung und gleichzeitig zunehmender gesundheitlicher Probleme. Peter Hurler engagierte sich verstärkt im Passat-Verlag. Die I.G. wurde daher immer mehr zu einer Solo-Veranstaltung, die obendrein ständig von Geld- und Zeitnöten geplagt war. Die farbigen Titelbilder der letzten beiden Ausgaben des Magazins (10 + 11) wurden dankenswerterweise vom Verlag J.F. Schreiber finanziert. Am »elektronischen« Horizont tauchten jedoch bereits dieersten Streiflichter einer neuen Zeit der Publikation auf. Die Bulletin-Boards der Akustik-Koppler-Zeit waren bereitsdurch Technologien wie BTX ergänzt worden und mit Compuserve etablierte sich der erste ernstzunehmendeOnline-Dienst. (Bereits ein Jahr zuvor – 1990 – hatte ich in Bremerhaven digitale Methoden zur Abwicklung von Schiffsrümpfen auf Basis von MEDUSA präsentiert . . . wofürich damals überwiegend verständnislose Blicke erntete.) Dagegen musste es fast rückschrittlich anmuten, dass es mir möglich war, im Jahre 1991 im Rahmen der I.G. den Nachdruck des Flugzeugträgers Graf Zeppelin fünfhundertmal zu verkaufen – eine willkommene Entschädigung für die finanziellen Einbussen die ich durch den Betrieb der I.G. hinzunehmen hatte . . .

Offiziell »aufgelöst« wurde die I.G. Karton Modell nie. Mit der Einstellung des zum Schluss ausschließlich von mir alleinhergestellten Magazins »schlief« die ganze Sache aber ein. Ende1992 war mir persönlich eigentlich klar, dass ein gedrucktes Magazin in dieser Art angesichts der geringen Anzahl Interessenten und der noch geringeren Anzahl derer die zur Zahlung eines Kostenbeitrags bereit waren, wenig Zukunft hat. Die Zukunft gehört wohl den schnellen elektronischen Medien . . . Im Jahr nach der Einstellung des Mitteilungsblattes der I.G. Karton Modell etablierten sich einerseits Scheuer und Strüver in Hamburg als Händler und Verleger (HMV) und andererseits ein Verlag in München. Mit letzterem und dessen Hauszeitung setzte ich meine Öffentlichkeitsarbeit für den Kartonmodellbau bis ins Jahr 2004 fort – aber das ist eine völlig andere Geschichte . . .

Dem fügte sich nahtlos die aktive Mitarbeit in einigen Online-Foren an (auf US-mailing listen leistete ich von 1996 bis 2004 aktiv Beiträge), was konsequenterweise 2005 zur Gründungeines eigenes Online-Magazins ( aka: »Forum« ) führte. (2011 eingestellt)

Versuch eines Fazits:
Zweifellos gehört elektronischen Medien die Zukunft. Gerade ein Produkt, das durch den »Druck-auf-Papier« erst richtig zu leben beginnt, ist mit einer vorwiegend elektronischen Öffentlichkeitsarbeit vielleicht besser gedient, als nur mit einem Printmedium.
Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, denn erst im Zeitalter elektronischer Medien konnten sich derartig viele Gleichgesinnte auf und in den »mailing listen« und »Foren« finden und austauschen. Ich bin aber der Meinung, dass digitale Hochgeschwindigkeitsmedien eine gedruckte Publikation nicht völlig überflüssig machen. Gerade Beiträge oder Artikel, deren Relevanz über den jeweiligen Veröffentlichkeitstag hinaus vorhanden ist, sind es wert, in einer gedruckten Publikation noch einmal zum »Nach«-Lesen zusammengefaßt werden.

Zusammen mit meinen jeweiligen Mitstreitern oder Mitarbeitern wurden und werden alle Publikationen die in und mit meiner Verantwortung entstehen, professionell konzipiert und geführt. Die Einhaltung aller relevanten gesetzlichen Vorschriften ist selbstverständlich. Und natürlich gibt es eine Chefredaktion mit definierten Aufgaben und selbst definierten Zielen. Und eine Redaktion mit Redakteuren, die eine möglichst breit gefächerte Berichterstattung gewährleisten. Und über den Tellerrand sehen. Denn ständige Nabelbeschau erweitert keineswegs den Horizont.

Die Chefredaktion (die Betreiber) werden für den Inhalt des von ihnen betriebenen Online-Magazins vom Gesetzgeber verantwortlich gemacht – niemals können wir daher unser Kartonmodellbau-Magazin mit dem Titel »Kartonmodell-Online« als »Spielwiese« für verquaste Spinner freigeben, auf der alles passieren kann. Wenn doch, dann würde bald gar nichts mehr passieren. Mir ist keine langfristig erfolgreiche Publikation bekannt, deren redaktionelle bzw. publizistische Konzeption an außerparlamentarischem Gedankengut ausgerichtet ist.

Das nicht immer alles so funktioniert, wie gedacht oder geplant, damit muss man rechnen.Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler – heute dieser und morgen ein anderer Fehler. Verzeihlich. Und eine verantwortungsvolle Chefredaktion wird sich durch umsichtige Personalpolitik einen Stamm von Redakteuren/Autoren aufbauen, mit dem sich dem Ziel genähert bzw. die gestellte Aufgabeoptimal erfüllt werden kann. Wir reden von einem Hobby? Selbstverständlich! Und wenn wir einen hilfreichen Beitrag dazuleisten wollen (Das wollen wir doch, oder?), dass dieses Hobby auch in 20 oder 30 Jahren noch existieren kann, dann wäre wirklich abzuwägen, ob dies ohne »professionelle« Methoden möglich ist, um ernst genommen zu werden.

Thomas Pleiner © 2006-2016 – 2019 – Alle Rechte vorbehalten!